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Zeitreise Zu Hotellerie Und Kunst
Foto© Gero Schreier

Zeitreise zu Hotellerie und Kunst

Die in der Berliner Hotellerie aufgewachsene, einst klassische Sängerin und erfolgreiche Opernagentin hatte viel zu erzählen

Eigentlich hatte der TourismusDialog.Berlin nur mit etwa 20 Besuchern dieses Events der besonderen Art gerechnet. Es kamen aber am 8. Januar 2018 mehr als dreimal soviel ins luxuriöse Hotel Grand Hyatt am Potsdamer Platz, genauer: in die erst vor einem halben Jahr eröffnete, im Stil der 80iger Jahre gestalteten Jamboree Bar. Volles Haus – ein Zeichen dafür, wie stark das Interesse an dieser Veranstaltung zu Beginn des neuen Jahres war. Die rund 70 Gäste – Journalisten, Künstler, Hotelfachleute und Politiker – erlebten eine kurzweilige, originelle Zeitreise durch nahezu ein Jahrhundert Berliner Hotel- und Kunstgeschichte. Prominenter Gast und authentischer Zeitzeuge war Ilse Eliza Zellermayer, eine lebensbejahende und selbstbewusste Frau, die sich keinesfalls zierte, ihr hohes Alter von 97 Jahren zu nennen. Im Gegenteil. Die Anwesenden wurden schon mal augenzwinkernd darauf vorbereitet, mit ihr in zweieinhalb Jahren gemeinsam den 100. Geburtstag zu feiern. Hohe Erwartung und Spannung also, was die freundliche alte Dame aus dem Berliner Westen zu sagen hatte.

Moderator Jens Meggeneder im lockeren Plausch mit Ilse Eliza Zellermayer

Zunächst einmal wurde die zierliche Frau aber dafür bewundert, wie blendend sie aussah, wie locker und frisch sie wirkte. Sie trug einen großen hellen Pelzhut, ein geschmackvoll farbenfreudiges Kleid, schwarze Strümpfe und modische Sportschuhe. Und als sie anfing, mit klarer, fester Stimme zu sprechen, merkte man sofort, dass sie auch mental nach wie vor fit ist und sich gut erinnern kann. Das war sehr angenehm, denn schließlich sollte die 1920 in Berlin Geborene ihr langes, erfülltes  Leben Revue passieren lassen. Nun ja, Vollständigkeit konnte man da (schon aus Zeitgründen) nicht erwarten. Doch der als einfühlsamer Moderator agierende Eventunternehmer Jens Meggeneder, ein guter Bekannter der Familie, verstand es wunderbar, der prominenten Gesprächspartnerin ein paar spannende Fragen zu stellen und ihr einige heitere Anekdoten und Geschichten zu entlocken.

Auch der Berliner Sänger und Dandy Henry de Winter kam in die Jamboree Bar. Hinten: Barmanager Burak Köseoglu

Ilse Eliza Zellermayer ist die Tochter des Berliner Hotel-Pioniers Max Zellermayer, der 1916 das später insbesondere wegen seiner prominenten Gäste (Jan Kipura, Vladimir Nabakov, Zarah Leander und andere) berühmt gewordene „Hotel am Steinplatz“ in Charlottenburg eröffnete. Sie wurde als drittes Kind und erste Tochter der Familie Zellermayer geboren. Noch heute schwärmt sie von der einzigartigen Atmosphäre dieses noblen Jugendstil-Hauses, wo sie aufwuchs. Sehr beeindruckt war sie z. B. von den Mitgliedern der russischen Zarenfamilie, die nach der Oktoberrevolution von 1917 nach Berlin kamen und das komplette Hochparterre des Hotels belegten. „Meine künstlerischen Neigungen entwickelten sich auf Grund dessen, dass mehrere Musiker und Sänger gerne den im Hotel vorhandenen Flügel zum Üben und Probieren nutzten. Das beeindruckte mich sehr“, erzählt sie. Ganz genau erinnert sie sich an den legendären russischen Violinisten Yehudi Menuhin, insbesondere deshalb: „Menuhin spielte nicht nur Geige, sondern mit uns Kindern immer wieder auch Ping Pong, wodurch er sehr beliebt war.“

Zeitsprung. In den 1950er Jahren war die urgemütliche Künstlerbar „Volle Pulle“ des Jugenstil-Hotels ein großer Magnet in Berlin, wie Ilse Eliza Zellermayer noch jetzt schwärmt. Günter Grass, Heinrich Böll, Brigitte Bardot, Romy Schneider und andere Berühmtheiten gingen dort regelmäßig ein und aus und mehrten den besonderen Ruf des Hauses am Steinplatz als beliebtes Künstlerdomizil.

Familienglück: Ilse Eliza Zellermayer mit ihrer Tochter Ariana de Ment (li.) und ihrer Nichte Andrea Zellermayer

Apropos Romy Schneider! Anfang der 70er Jahre hatte die schon sehr erfolgreiche Schauspielerin, die viel unterwegs war, eine etwa einjährige Liaison mit dem damals noch unbekannten Schweizer Theaterschauspieler Bruno Ganz. Vor gut zwei Jahren bestätigte das der große Mime: „Unsere Zeit spielte sich zwischen Hamburg, Berlin und Paris ab.“ In Berlin war Romy Schneider Stammgast in eben jenem „Hotel am Steinplatz“. Ilse Eliza Zellermayer erzählte nun eine pikante Episode aus dieser Zeit. Romy Schneider hatte nur ein Einzelzimmer gebucht, wollte aber ihren „Kavalier“ Bruno Ganz mitnehmen. „Der Nachtportier lehnte das ab und verwies die gar nicht amüsierte Starschauspielerin zur Tür. Die wollte das aber nicht hinnehmen und zettelte sogar eine Rangelei an. Daraufhin musste sie das Hotel verlassen.“ Am nächsten Tag durfte sie jedoch wieder in ihr favorisiertes Einzelzimmer einziehen. Frau Zellermayer zur „Moral von der Geschicht‘: „Die Moral spielte damals eben noch eine große Rolle. Heute ist das ja in den Hotels ganz anders.“

Auf ihren eigenen Lebensweg näher eingehend, schilderte Ilse Eliza Zellermayer ihre erste Begegnung mit dem seinerzeit erst aufstrebenden, später legendären italienischen Tenor Luciano Pavarotti. „Durch das Bekanntwerden mit zahlreichen Künstlern in unserem Hotel fasste ich eines Tages den Entschluss, selbst Künstlerin zu werden – nämlich Opernsängerin. Ich ging nach Mailand, um dort Gesangsunterricht zu nehmen. In der Scala lernte ich eines Tages Pavarotti kennen. Als ich so lang ging, hörte ich plötzlich hinter mir eine laute Männerstimme rufen: ‚Ciao, bella carissima!‘ Ich drehte mich um und sah einen jungen Mann, den ich bis dahin nicht kannte. Es war tatsächlich Luciano Pavarotti. Ich erinnerte mich sogleich an Herbert von Karajan, der mir gesagt hatte, Pavarotti sei die neue Jahrhundertstimme. Doch wie sich der Sänger mir gegenüber benahm, war nicht gerade schmeichelhaft.“ Frau Zellermayer sprach von „nassen Küssen und kräftigen Umarmungen“, worauf sie sich mit „Basta! Basta!“ gegen das, sagen wir mal, südländische Temperament des Sängers zur Wehr setzte. Erinnert das nicht ein wenig an unsere heutige „Metoo“-Debatte?

Mit diesem nagelneuen Coupé, Typ „Wraith Black Badge“, gesponsert von Rolls-Royce Motor Cars Berlin Riller & Schnauck, wurde der hochbetagte Gast von Jens Meggeneder (li.) stilvoll chauffiert

Allerdings kam es später zu einer Aussöhnung mit Pavarotti. Mehr noch. Ilse Eliza Zellermayer wurde ab 1960 eine international gefragte, erfolgreiche Musikmanagerin und Opernagentin, die Weltstars wie Luciano Pavarotti, Anna Moffo, Renata Tebaldi und Francesco Corelli managte. Einige holte sie auch nach Berlin. Mit Startenor Luciano Pavarotti arbeitete sie 30 Jahre zusammen. Ans überaus zufriedene, ja dankbare Publikum gewandt, sagte sie: „Mein Leben – das steht alles in meinen beiden Büchern.“ Doch das lebendige Gespräch besitzt natürlich seinen eigenen Stellenwert. Live is life. Auf jeden Fall hat die heutige zwar kurze, aber sehr herzliche Begegnung mit Ilse Eliza Zellermayer Lust darauf gemacht, sich noch einmal in Ruhe mit der spannenden, ereignisreichen Vita dieser international renommierten Berliner Kunstschaffenden zu beschäftigen.

Text und Fotos: Manfred Weghenkel, Journal „Reise, Kultur & Lifestyle“

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