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Gehen Dem Gastgewerbe Die Fachleute Aus?
Jürgen Gangl, 1. Vorsitzender Hoteldirektoren-Vereinigung Deutschland, Prof. Dr. Jörg Soller, Fachleiter Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, Patrick Meinhardt, Generalsekretär Bildungsallianz des Mittelstandes, und Manuela Scholz, Gewerkschaftssekretärin Nahrung-Genuss-Gaststätten Region Berlin-Brandenburg (v.r./Foto: Manfred Weghenkel)

Gehen dem Gastgewerbe die Fachleute aus?

Die gute Nachricht vorweg: Kaum ein Hotel muss in Zukunft schließen, weil die Gäste ausbleiben.
Doch welchen Preis wird man dafür zahlen müssen vor dem Hintergrund des demographischen Wandels. Bereits 2030 wird das Verhältnis von neuen Beschäftigten und ausscheidenden Rentnern auf 1 : 2 sinken. Einer kommt, zwei gehen.
Überdies: Junge Menschen meiden den Dienstleistungsberuf. Man will studieren mit Aussicht auf den Bachelor. Dienen und leisten liegt nicht jedem im Blut. Nach einer Wende zum Besseren klingt das nicht.
Mithin: Zukunftsfähige Lösungen waren am 8. Mai 2019 beim Medienforum des TourismusDialog.Berlin im Restaurant pier36eins der USE Union Sozialer Einrichtungen gefragt – kenntnisreich moderiert von Prof. Dr. Jörg Soller, Fachleiter Tourismus an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Anfang der 90er Jahre war er Direktor des traditionsreichen Hotels „Elefant“ in Weimar, also auch ein Mann der Praxis. Heute ist sein erklärtes Ziel, alte Denkansätze auf den Prüfstand zu stellen und bei Bedarf aufzubrechen sowie neue Geschäftsmodelle zu finden, die auf digitale Weise durchgesetzt werden.
Digitalisierung, Finanzierung und Fachkräftesicherung sind nur drei Aufgaben aus der langen Liste der Bildungsallianz des Mittelstandes in Deutschland, deren Generalsekretär Patrick Meinhardt auf dem Podium mitwirkte. Die Allianz steht für Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Bildung. Mittelständische Betriebe sind häufig Unternehmen, die familiengeführt werden, einen langen Zeitraum umfassen und nicht unbedingt auf den nächsten Quartalsprofit schauen müssen.
Die Gewerkschaftssekretärin Manuela Scholz von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten Berlin-Brandenburg erläuterte, dass laut aktuellem DGB-Ausbildungsreport die Azubis so unzufrieden wie noch nie sind. Wichtigste Gründe: Arbeitszeiten unflexibel, unbezahlte Überstunden (trotz gesetzlicher Vorschrift) und zu niedrige Ausbildungsvergütungen. Azubis im Schichtbetrieb für das Hotel- und Restaurantfach bemängeln, dass ihre Ruhezeiten nicht berücksichtigt werden. Erfreulich immerhin zu hören, dass seit 1. Januar 2019 ein neuer Manteltarifvertrag im Berliner Hotel-und Gaststättengewerbe in Kraft ist. Somit gibt es für viele Beschäftigte wieder Rechtssicherheit (Arbeitszeit, Dienstpläne, Nachtzuschläge, Altersfreizeit).
„Die Politik muss in den Gesetzen die Arbeitsrealität abbilden.“ Das wünscht sich Jürgen Gangl, 1. Vorsitzender der Hoteldirektorenvereinigung Deutschland. Vor allem muss das Arbeitszeitgesetz flexibel gestaltet werden. Der Mitarbeiter mag selbst entscheiden, wie groß sein Arbeitszeitkonto ist. Das Gastgewerbe kann sich mittels einer flexiblen Dienstplangestaltung auf den einzelnen Mitarbeiter einstellen – in Teilzeit oder Vollzeit.
Von der kompetenten Gesprächsrunde konnte manches nur angerissen und gestreift werden. Gleichwohl lag der Wert unbestritten darin, in einer Art Kaleidoskop klarzumachen, welche Vielfalt an Auseinandersetzungen es gibt.
Und erstens und letztens gilt noch immer für alle Jugendlichen in ihrer Findungsphase: Augen auf bei der Berufswahl. Es muss nicht immer und allein Abitur sein.
Felix Müller

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